Artikelfoto: Ethik der Erzähler - Gedanken über die Ethik der Erzähler

Gedanken über die Ethik der Erzähler

1080 540 Uschi Erlewein

Apropos Ethik der Erzähler, vor einiger Zeit ist mir etwas passiert.

Ich hatte innerhalb eines Festes eine Aufführung und blieb noch ein Weilchen, nach dem Auftritt. Eine Frau stürmte auf mich zu.
Kein Gruß, stellte sich nicht vor, stand halb abgewandt vor mir:

Ich weiss ja, dass Erzähler ihre Geschichten nicht hergeben … Aber … wo haben sie die erste Geschichte her?

Es war klar, dass sie diese Geschichten „haben“ wollte.

Ich war sprachlos über diesen Überfall und begann zu erklären, dass ich diese Geschichte von meinem Theaterlehrer ans Herz gelegt bekommen hatte, sie übersetzt und jahrelang an dem Text gefeilt hatte. Es war ja ein Geschichten-Gedicht, dem ich auf deutsch eine neue Form gesucht hatte. Zudem lebte das Ganze von der Bewegung mit minimalen Worten. Genau mein Ideal wie eine Geschichte „klingen“ sollte. Wonach ich suche in meiner Arbeit: nach Reduktion, nach Klarheit der Form. Die Suche nach dem Wesentlichen.

„Na, wenn sie mir das jetzt nicht sagen, dann kann ich ja ins Museum kommen, wo sie regelmässig erzählen … dann hab ich die Geschichte ja.“

Und sie stürmte davon.

Ich war baff!
So eine Dreistigkeit war mir noch nicht begegnet.
Später fand ich heraus, dass sie Märchenerzählerin ist.

Dieses Erlebnis machte mich hellhörig und ich beobachtete genau, wie hierzulande mit dem Geschichtenrepertoire der anderen umgegangen wird.

So las ich z.B einen Beitrag in einem Internetforum, in dem es hiess, es sei unnötig andere Erzähler zu fragen, ob man die Geschichte „nehmen“ dürfe. Alle Erzähler stünden ja „im Fluss der Erzählungen“, die Geschichten würden ja sowieso weiter wandern.

In meinen Ohren klingt das nach einer faulen Ausrede. Solch eine Haltung zeugt von wenig Achtung vor der Schöpfung anderer.

Ich denke, es ist Zeit, dass sich auch hierzulande Erzähler Gedanken über den Umgang mit Erzählerbe zu machen und eine Ethik als Erzähler zu entwickeln.

 

Artikelfoto: Ethik der Erzähler - Gedanken über die Ethik der Erzähler

 

Um Erlaubnis fragen

Um Erlaubnis zu fragen, ob ich eine Geschichte erzählen darf, gehört zu meinem Selbstverständnis und Ethik als Erzählerin. Mich freut es, wenn ich beim Erzählen die Person vor Augen habe, von der ich die Geschichte geschenkt bekam.

Es ist mühsam sich auf die Suche nach Geschichten zu machen, es ist mühsam jemanden um Erlaubnis zu fragen. Es kostet Arbeit, Zeit und Fertigkeit eine Geschichte zu bearbeiten, damit sie eine persönliche Note bekommt, dass sie zu einer Neuschöpfung wird.

Selbst wenn ich von „meinen“ Geschichten spreche, „besitze“ ich sie natürlich nicht. Denn erstens stammen sie aus oralen Kulturen und ich bin nur so etwas wie Verwalterin auf Zeit, sie sind nicht aus Materie. Und doch bearbeite ich sie wie ein Bildhauer einen Stein bearbeitet.

Es genügt nicht, wenn ich mir die besten Farben, die teuerste Leinwand und edle Marderhaarpinsel kaufe. Es ist nicht das edle Ausgangsmaterial, das ein Kunstwerk schafft. Sondern es ist das, was der Künstler aus dem Material macht. Seine Handschrift, sein besonderer Blickwinkel.

Und dazu braucht er nicht mal teures Material. Es gibt in der Kunstgeschichte genügend Beispiele, in denen grosse richtungsweisende Werke aus billigem Material entstanden.

Ich freue mich wenn ich weiss wo die Geschichten her kommen, die ich erzähle. Als ich vor längerer Zeit einmal von einem Erzähler las, dass er es nicht für nötig findet, dass man hinzufügt von wem man eine Geschichte gehört habe, weil schließlich „alle im allgemeinen Erzählfluss stehen„… Als ich das las wurde mir ganz eng ums Herz.
Ich kenne aus den USA, dass die Erzähler sich geeinigt haben, eine gemeinsame Ethik im Umgang mit solchen Fragen zu entwickeln.

 

Meine Vorschläge für eine Ethik der Erzähler

Sicherlich gibt es so manche unverbesserliche KollegINNen, die denken, dass Geschichten und Märchen Allgemeingut sind.

Ich denke, künstlerische Schöpfungen, einschliesslich Märchen, Mythen und Geschichten verdienen unseren Respekt. Ich freue mich wenn ich jemanden fragen kann. Mir gefällt es, wenn ich weiß, wer die schöpferische Arbeit machte. Dann habe ich eine ganz konkrete lebendige Person vor Augen, an die ich denke während ich erzähle, der ich in Gedanken das Erzählen widme und dafür danke. So kann ich meinen Respekt vor denen, die vor mir erzählten, zeigen.

Deshalb folge ich meiner persönlichen Ethik der Erzähler :

  • Sei originell und suche nach deinem eigenen Weg in der Erzählkunst.
  • Die Suche nach Märchen ist Teil meiner künstlerischen Arbeit und kopiere nicht meine Kollegen.
  • Ich mache mir Gedanken über meinen Erzählstil, Ethik der Erzähler und entwickle meinen Ansatz beim Geschichtenerzählen. Und folge meinen Prinzipien.
  • Zeige Achtung vor der künstlerischen Arbeit anderer und handle entsprechend.
  • Beachte das Urheberrecht und hole dir die Aufführungsrechte, auch wenn du Tantiemen dafür zahlen musst. Nicht nur, weil es Gesetz ist und man aus rechtlichen Gründen dazu verpflichtet ist. Sondern auch aus Kollegialität und Respekt vor der Arbeit anderer Erzähler. Und dem Erbe anderer Kulturen. Frage um Erlaubnis, ob du eine Geschichte erzählen darfst. 
  • Falls ich die Erlaubnis für eine Geschichte bekommen habe, übernehme ich die Verantwortung, und erschaffe sie neu, ohne sie zu kopieren. Auch versuche ich so viel wie möglich über den kulturellen Hintergrund zu lernen und interpretiere nicht.
  • Verschweige nicht, woher du die Geschichte, den Mythos oder das Märchen kennst.
  • Übernehme Verantwortung für das Erzählerbe. Das heisst, wenn in den Ursprungskulturen bestimmte Tabu mit der Geschichte verbunden sind, beachte sie und nicht übertreten. Zum Beispiel werden traditionellerweise manche Geschichten nur in bestimmten Jahreszeiten erzählt …

 

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Den Geschichten Leben einhauchen

Es kommt darauf an, wie und was ich an Leben den Geschichten einhauche. Übertragen auf die Erzählkunst heisst das, dass ich nicht eine gute Erzählerin bin, wenn ich „gute Geschichten“ in meiner Märchenliste habe.

Wesentlich ist, wie mein Repertoire zu meiner Person passt, wie ich die Geschichten verkörpere und meinen ganz persönlichen Stil finde, wie sie erzählt wird.

Selbst beim textreuen Rezitieren ist das der Fall. Da erscheint der eigene Stil z.B. durch die Nutzung der Stimme, der Betonung einzelner Passagen oder wie Pausen gesetzt werden.

Ich möchte eine klare Form schaffen, eine schlichte Form. Das Schwierigste ist das Wegnehmen, das Streichen von Worten, das Vereinfachen. Das Wesentliche erkennen und verdeutlichen. Das ist meine stete Suche. Suchen nach der reinen Form.

Ob ich male, Geschichten bearbeite oder mit Ton arbeite, ein wichtiges Element meiner Arbeit ist die Zeit. Ich brauche viel Zeit um etwas zu gestalten. Ich lebe mit der Geschichte, lerne sie kennen, lausche auf ihren Atem.

 

Dabei leitet mich als Motto stets dieses indianische Sprichwort:
„Wer in die Fußstapfen eines anderen tritt, hinterlässt keine Eindrücke.“

 

Mehr über die Kunst des Erzählens

Hier können Sie noch mehr über meinen Ansatz beim Erzählen finden.

 

Erzählprogramme im Repertoire:

 

 

AUTHOR

Uschi Erlewein

Uschi Erlewein spielt Geschichten von weit her, die nahe gehen. Professionelles Tourneetheater, generationsübergreifende Programme für Kinder und Erwachsene, kulturvermittelnde Erzählkunst. Szenisch erzählte Geschichten aus und über andere Kulturen, ungewöhnliche Märchen, Mythen entführen auf eine Hör-Reise in andere Welten.

All stories by: Uschi Erlewein
2 comments
  • Michael
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    Ich lese Deine Website erst wenige Minuten. Ich habe zu ihr gefunden, als ich auf g+ nach dem Wort „Märchen“ suchte. Ich suchte nach einem Märchen-Kreis. Ich bin verblüfft mein Wollen so sehr in dir zu finden. Du bist Märchen. Du lebst als Märchen.

    Mein Zugang zu Märchen sind die Erzählungen und Bücher meiner eigenen Kindheit sowie die Erzählungen, die „Gute Nacht Geschichten“, die ich meinen Kindern erzählte.

    Ich erzählte meinen Kindern aus meinem Leben, verkleidet in Märchen. Wenn man jeden Tag einen neue Geschichte braucht dann gehen die Bücher aus. Es gab eine Zeit, da hatte ich große Prüfungen in meinem Leben und ich konnte kaum meine Gedanken sammeln um in der einem fremden Märchen gerechten Emotion zu erzählen. So erzählte ich in meiner Emotion und fand dazu den Text jeden Tag neu.

    • Uschi Erlewein
      REPLY

      Hallo Michael! Vielen Dank für Deine schönen Worte! Es freut mich zu hören, daß Du aus meinen Texten hier Verwandtschaft heraus hrst! Es klingt gut, was Du schreibst über die Art wie du Dich selber in die Märchen einfliessen läßt. Denn nur so kann das Erzählen lebendig bleiben und wird nicht verknöcherte Reproduktion….
      Ich würde mich freuen, weiter mit Dir im Dialog über das Erzählen zu bleiben, entweder hier, auf Facebook oder auf google+

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