Erzählerin & Geschichtenspielerin Uschi Erlewein im Portrait

    Wenn Geschichten lebendig werden

    Sie will mehr als nur die Gebrüder Grimm nacherzählen

    Das Repertoire der Geschichtenspielerin Uschi Erlewein umfasst Mythen, Legenden und Märchen aus fernen Ländern. Nach sorgfältiger Recherche über die jeweilige Kultur schlüpft die Geschichtenspielerin mit Stimme und Körper in die Gestalt ihrer Figuren.

    „Ich will mein Pferd nicht verkaufen.“ Die Stimme des mongolischen Jungen Sukhee zittert, unterwürfig duckt er sich vor dem Khan. Der richtet sich zu seiner vollen Größe auf und verschränkt die Arme. „Bringt mir das Pferd, tot oder lebendig“, tönt er und lässt den Jungen wegjagen.

    Die Zuschauer verfolgen gebannt die Szene auf der Bühne des Kulturhauses. Vor ihren Augen verschmelzen Sukhee und der Khan zu einer einzigen Person. Und die heißt Uschi Erlewein, von Beruf Geschichtenspielerin. Mit ihren Erzählungen aus Steppe und Taiga eröffnet sie nach der Sommerpause ihre neue Spielsaison.

    Mal flattert Erlewein als Rabe über die Bühne, mal sammelt sie als mongolische Großmutter imaginäre Kuhfladen zum Heizen. Dabei klingeln Schamanenglöckchen an ihrem Filzgewand, das mongolische Schultertäschchen baumelt hin und her, am Rücken wehen Schnüre aus Pferdehaaren.

    Erleweins blonde Zöpfe gucken unter einer Motorradkappe hervor. Eine Motorradkappe? „Ich wollte kein Originalkostüm, ich bin ja nicht von da“, sagt die Künstlerin. Sich genauso wie eine Mongolin zu kleiden, sei für sie ein Abklatsch, eine billige Kopie: „Ich bin mir bewusst, dass ich traditionelle Geschichten aus der Kultur erzähle. Aber ich bin ich, und ich kann und will nicht aus mir heraus.“

    Geschichtenspielerin Uschi Erlewein im Portrait

    „Ich“ ist die in Heilbronn geborene und wohnhafte Geschichtenspielerin Uschi Erlewein. Weitere persönliche Angaben möchte sie nicht machen: „Ich denke, es gibt Wichtigeres. Alter, Geburtstag und Familienstand finde ich nicht so wesentlich.“

    Während sie mit leiser Stimme von sich erzählt, sitzt sie auf der Terrasse eines Cafés in der Sonne und nippt an ihrem chinesischen Pi lo chun-Tee. Sie setzt die Tasse ab und befreit sich aus der dunkelblauen Kapuzenjacke.

    Eine schillernde Korallenkette kommt zum Vorschein. Darüber ein rotes Halstuch, das sie mit einem farbenfrohen „Punjabi“ kombiniert, einer Tunika und legeren Hose aus Baumwolle. „Das ist eine traditionelle Kleidung von Inderinnen“, erzählt sie. Die Kombination hat sie sich im indischen Ladakh nähen lassen. Sechs Wochen hat sie im Sommer dort verbracht, um für ihr neues Programm „Geschichten vom Dach der Welt“ zu recherchieren.

    Mythen, Legenden und Märchen aus Afrika, der Südsee, Nordamerika oder Asien: Das ist die Leidenschaft Erleweins. Die Erzählungen der Gebrüder Grimm lassen sie eher kalt. „Ich finde es schön, wenn die Menschen sich damit beschäftigen, aber ich kriege da keinen Kick“, sagt sie.

    Die Künstlerin, die sich schon lange für Geschichten und andere Kulturen interessierte, erhielt Mitte der 90er Jahre eine Sammlung von Geschichten der Inuit. „Es ist schwer zu beschreiben, aber etwas traf mich in innerster Seele“, sagt sie heute.

    Kurz darauf trat Erlewein mit dem Stuttgarter Linden-Museum, dem Staatlichen Museum für Völkerkunde, in Kontakt, in dem sie seit 2004 regelmäßig als Geschichtenspielerin auftritt. Das Museum sei ihr Laboratorium: Von dort stammen die meisten ihrer Geschichten. Dort lernt sie Wissenschaftler kennen, die sich mit der Erzähltradition beschäftigen. Dort gibt es eine Bibliothek und einen Fundus.

    Geschichten verlebendigen

    Das Wichtigste sei aber nicht, unbekannte Geschichten zu sammeln und als Einzige zu erzählen, sagt sie mit scherzhaft raffender Armbewegung und gierigem Gesichtsausdruck. „Es ist mir viel wichtiger, die Geschichten zu verlebendigen.“ Sprich: „Wie ich erzähle und nicht so sehr was“

    Um dieses Ziel zu erreichen, reist die Geschichtenspielerin Uschi Erlewein, so oft es geht, in die Herkunftsländer der Geschichten. Sie studiert die Ausdrucksweise der Einheimischen, beobachtet deren Körpersprache, nimmt die Atmosphäre des Landes in sich auf:

    „Es gehört zu meinem künstlerischen Verständnis, dass ich eine Geschichte aus Japan nicht in der gleichen Körperhaltung erzähle wie eine aus Afrika.“ Auch das Internet und Fernsehen zieht sie zur Recherche heran. Um das Lebensgefühl der jeweiligen Kultur besser zu verstehen, belegte sie sogar traditionelle Tanzkurse wie etwa hawaiianischen Hulatanz.

    „Das Kreative und der eigene Ausdruck waren ihr schon immer wahnsinnig wichtig“, sagt Natasa Rikanovic, Mitglied der Heilbronner Klinikclowns. „Man merkt ihr das Vertrauen in die eigene Sache an, dass sie ihr eigenes Ding gefunden hat mit ihren Geschichten.“

    Der Umweg war der Weg

    Zum Geschichtenspielen kam Erlewein jedoch auf Umwegen. Anfang der 80er Jahre studierte sie Puppenbau und -spiel in Stuttgart, später Malerei und Grafik. Nach jahrelanger Tätigkeit als Puppenspielerin arbeitete sie ab Mitte der 80er Jahre als Kunsttherapeutin. Sie lehrte über 10 Jahre an der Hochschule für Kunsttherapie in Nürtingen und übernahm die Leitung des Fachs an einer Hochschule in Finnland.

    Während ihrer Dozententätigkeit in Nürtingen lernte sie den Theaterlehrer Tony Montanaro kennen. Er unterrichtete sie über Jahre hinweg in Körpertheater, Pantomime und Improvisation. 2001 gab Erlewein das Unterrichten auf und schloss sich den Heilbronner Klinikclowns an. Grund: „Mein Bedürfnis zu schaffen war viel größer als meine helfende Seite“, sagt sie.

    Parallel zu diesem „Brotberuf“ baute sie ihr Geschichtenprogramm auf. „Anfangs dachte ich, ich könnte beide Tätigkeiten parallel machen“, sagt sie. Aber dann habe sie gemerkt, dass sie alles auf eine Karte setzen müsse. Nach und nach zog sie sich von den Klinikclowns zurück. Es sei eine schwierige Entscheidung gewesen, gibt sie zu.

    Erlewein stützt die Ellbogen auf dem Tisch ab und verschränkt die Hände vor dem Gesicht, eine typische Geste. Sie spricht langsam, überlegt ihre Antworten sorgfältig. Sie beginnt Sätze, bricht sie ab, schlägt eine neue Route ein, kehrt aber immer zum Ursprungsgedanken zurück. Oft wandern ihre Augen ab. Wenn sie über Gefühle spricht, schließt sie sie manchmal.

    Anders als auf der Bühne, macht sie keinen Hehl aus ihrem schwäbischen Dialekt. „Ich hatte mal eine Sprecherzieherin, die wollte ihn mir ganz wegtrainieren“, sagt sie. „Aber das wollte ich nicht, das bin dann nicht mehr ich.“

    Innere Bilder schaffen

    Sieben Erzählprogramme (Stand 2011) hat Uschi Erlewein in den letzten sieben Jahren ausgearbeitet. Jedes von ihnen hat Geschichten aus einer anderen Kultur zum Thema.

    Doch nicht nur die fremdländische Thematik unterscheidet die Künstlerin von ihren deutschen Kollegen. Martin Fuchs, der Inhaber des Figurentheaters Fex in Helmstadt- Bargen, beschreibt Erlewein so: „Der Unterschied zu anderen Erzählern ist, dass sie sehr viel mit Bewegung, Mimik und Tanz macht. Dadurch entstehen innere Bilder, sowohl bei ihr selbst als auch bei den Zuschauern.“ Ihre Stellung in der Welt der Geschichtenerzähler hält er für einzigartig, „weil sie nicht dem Klischee entspricht“.

    Anfangs war es der Kontakt zu nordamerikanischen Indianern, die Erlewein dazu inspirierten, mit dem ganzen Körper zu erzählen. Der Heilbronnerin, die bis zu dem Zeitpunkt nur sitzende Erzählmethoden kannte, fiel auf: „Ich habe Indianer erlebt, die beim Erzählen sich viel bewegen, umher springen, ein Instrument spielen und tanzen. Da hat es bei mir ‚Aha’ gemacht.“ Das spätere Zusammentreffen mit anderen Kulturen bestätigte sie in dieser Erzählweise. Die traditionelle Bezeichnung des Geschichtenerzählers fand Erlewein unpassend für sich und nannte sich schließlich Geschichtenspielerin.

    „Dass ich im Stehen und mit Körpersprache und direkter Rede spiele, ist für viele in der Szene ein Fauxpas“, kritisiert sie. Richtiges oder falsches Erzählen gebe es in ihren Augen aber nicht. Es gebe nur, dass jemand stimmig für seine Person erzähle. Viele Erzähler würden die Geschichten aber zu sehr psychologisieren, zu oft liege der Schwerpunkt auf der Symbolik. „Symbole sind sicherlich wichtig“, sagt sie, „aber zum Verständnis reicht das nicht.“

    Kritik als Lernprozess

    Kritik an sich selbst versteht Erlewein als Lernprozess. Manchmal hätten die Kritiker recht. Ungerechtfertigte Kritik an ihrer individuellen Erzählweise nimmt sie aber nicht ernst: „An meiner Arbeit würde das nichts ändern. Ich erzähle so, wie es für mich stimmt.“

    Das Wichtigste für sie sei, der jeweiligen Kultur Wertschätzung entgegenzubringen und dem Geist der Geschichte gerecht zu werden. Und den muss sich Erlewein erst erschließen.

    Neue Geschichten liest die Künstlerin mehrmals, um festzustellen, ob sie in ihr eine „Resonanz erzeugen“. In den vielen Fällen übersetzt sie Texte aus der englischen Übersetzung ethnologischer Feldforschung. Und das mache sie gern, denn das sei wie ein erstes Kennenlernen der ganzen Struktur, der Dynamik, der Elemente der Geschichte. Anschließend schreibt sie verschiedene Variationen der Geschichte, entfernt „für die Atmosphäre überflüssige Elemente“ wie etwa Adjektive und Adverbien, studiert die Charaktere und betreibt Recherche.

    Ich arbeite in der Kunst wie eine Kuh, die grast

    Die Art und Weise wie sie an ihren Geschichten arbeite, sei vergleichbar mit dem Ausspruch von Käthe Kollwitz: „Ich arbeite in der Kunst wie eine Kuh, die grast“, sagt Erlewein und lacht. An der Zunge der Kühe bliebe nur hängen, was die Tiere mögen. „Sie schlucken es, und dann bleibt es eine Weile im Magen. Irgendwann kommt es dann wieder hoch“, sagt die Geschichtenspielerin und fingiert ein Aufstoßen. Sie arbeite ständig an mehreren Geschichten, an einigen jahrelang. „Manches wird dann zu Milch“, sagt sie. Aber einige der Geschichten verwerfe sie auch wieder: „Ich darf auch Mist machen, denn ohne den Mist, ohne den Dünger würden nicht die guten Kräuter auf der Wiese wachsen.“ Starr bleiben die Geschichten jedoch nie. Auf der Bühne ist sie offen für Improvisation, lässt die Charaktere mitentscheiden, wie sie sich ausdrücken wollen,

    Obwohl Erlewein in ihrem Beruf aufgeht, bleiben Zweifel nicht aus. Besonders wenn der Druck groß sei, wenn sie nicht genug Zeit habe, sich auf ein neues Programm vorzubereiten.

    „Aber wenn ich ins Zweifeln komme, ist das ein gutes Zeichen“, sagt sie. Dann stehe sie kurz davor, ein Problem in der Programmgestaltung zu lösen. „Das ist ein ganz sensibler Moment. Wenn ich da ausbüchse und anfange, Fenster zu putzen, oder das Telefon klingelt, ist der Moment weg.“ Deshalb dürfen auch Gäste nur in Ausnahmefällen das Atelier in ihrer Wohnung betreten.

    In ganz Deutschland auftreten

    Neben ihren Engagements im Stuttgarter Linden-Museum tritt die Geschichtenspielerin Uschi Erlewein deutschlandweit in Büchereien, kleinen Theatern oder Kulturvereinen auf. Gerne spielt sie vor gemischtem Publikum, vor Groß und Klein: „Die Kulturen, aus denen ich die Geschichten erzähle, machen keinen Unterschied zwischen Kinder- und Erwachsenengeschichten“, sagt sie. „Das ist absolut ein Ding von unserem Bildungsbürgertum.“ Regelmäßig sind ihre Engagements jedoch nicht.

    Kann man vom Geschichtenspielen überhaupt leben? „Ich lebe doch noch“, scherzt die Künstlerin. Zu den Großverdienern in Deutschland gehöre sie nicht, aber sie habe ihre Prioritäten. „Mir ist es nicht wichtig, ein dickes Auto zu fahren. Ich habe das Gefühl, ich kann mir leisten, was mir wichtig ist“, sagt sie.

    Während der auftragsarmen Sommerzeit führt sie manchmal Regie im Helmstädter Figurentheater Fex, erarbeitet neues Material und recherchiert. Zeit für Hobbys braucht sie nicht. Erlewein zitiert Martin Fuchs vom Fex-Theater: „Es gibt keine Arbeitszeit, es gibt keine Freizeit, es gibt nur Lebenszeit.“ Das sei für sie alles eins. Einen Film im Kino sehen, im Café Menschen beobachten oder einen neuen Tanz lernen: All das trage zu ihrer Kunst bei.

    Natasa Rikanovic von den Heilbronner Klinikclowns hat die Entwicklung Erleweins zur Geschichtenspielerin verfolgt, sie früher durch leichte Korrekturen unterstützt. „Das hat sich wahnsinnig entwickelt“, sagt sie heute. In der Welt der Geschichtenerzähler habe Erlewein eine wichtige Stellung, aber da könne sie noch weiter hoch, glaubt Rikanovic.

    Die Geschichtenspielerin Uschi Erlewein selbst formuliert ihr Zukunftsziel bescheiden: „Ich möchte gern dabei bleiben. Ich möchte es schaffen, dass meine Arbeit mir noch anstrengungsloser von der Hand geht und sie die Leute ein bisschen inspiriert.“

    Erzählt sie privat auch so gerne? „Hört man das nicht?“, antwortet die Geschichtenspielerin und lacht herzhaft. Darüber, wie sie sich selbst sieht, möchte Uschi Erlewein aber nicht erzählen. „Das ist mir zu festlegend“, sagt sie. „Ich mag auch keine Geschichten, wo am Ende die Moral kommt. Ich möchte lieber das Bild so stehen lassen. Und wer mich kennenlernen will, kann ja zu einer Aufführung kommen (Termine).“ So wie sie es auf der Bühne tut. Sie moralisiert nicht, sie erklärt die Figuren nicht. Sie spielt sie einfach.

    Der mongolische Junge Sukhe ist inzwischen neben seinem Pferd auf den Boden gesunken. Das von den Pfeilen des Khan durchbohrte Tier stirbt in den Armen seines Freundes. In der Nacht darauf erscheint es dem Jungen im Traum, rät ihm aus seinem Schädel und Haaren ein Instrument zu bauen. „Und seit damals wird in der Mongolei auf der Pferdekopfgeige gespielt“, erzählt Erlewein dem Publikum. Wie in Zeitlupe schwingt sie die Arme von rechts nach links, dreht sich und stimmt einen mongolischen Gesang an. Für die Zuschauer bedeutet das: Auf zur nächsten Geschichte.

    Autorin: Angelika Bohn, der Text ist zwar vom Oktober 2011, doch noch immer aktuell!