Artikelfoto: Der Auftritt ohnegleichen - Als mir die Bühne zur Heimat wurde

Der Auftritt ohnegleichen – Als mir die Bühne zur Heimat wurde

1080 540 Uschi Erlewein

Wann war mein „allerschönster“ Auftritt? Schwer zu sagen!

Ich schaue zurück auf professionelle Auftritte als Puppenspielerin, Clown, als Klinikclown, als Schattenspielerin, Mime, als Maskenspielerin, Erzählerin…mit Schwerpunkten auf Körpertheater, Stimme, Improvisation. Und in allen Bereichen erinnere ich mich an wunderbare und besondere Auftritte

Doch es gibt einen Auftritt, der mir sehr wichtig ist.

Davon will ich erzählen:

 

Mein wichtigster Auftritt als Geschichtenspielerin

Es geschah im Sommertheater der Celebration Barn in Maine, USA. Zu der Zeit lebte mein verehrter Mentor und Theaterlehrer Tony Montanaro noch.

Tony unterrichtete nur noch wenig und so nutzte ich jede Gelegenheit, soviel wie möglich von ihm zu lernen. Über 7 Jahre arbeitete ich mit seiner Hilfe daran, meinen Erzählstil zu entwickeln.

Es war einer von Tony´s letzten Workshops. Wir waren eine internationale Gruppe von Künstlern aus Südafrika, Japan, Brasilien, USA, Kanada, Hawaii und Deutschland.

Bunt zusammen gewürfelt aus Anfängern, erfahrenen Vollprofis, international bekannten Künstlern, die teilweise seit mehreren Jahrzehnten Tony´s Schüler waren. Magier, Erzähler, Jongleure, Pantomimen, Schauspieler, Musiker, Sänger, Clowns, Akrobaten…die unterschiedlichsten Darsteller waren vertreten.

An den Wochentagen hatten wir Unterricht: von morgens neun bis abends zehn oder elf Uhr. Der Unterricht fand auf der Bühne eines kleinen Sommertheaters statt. Am Wochenende wurde aus unseren Szenen, Geschichten, Jonglage-Acts und Gruppenimprovisationen ein öffentlicher Theaterabend.

 

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Celebration of life and art

Ich erinnere mich an dieses tiefste Glücksgefühl, das mich bei einem Auftritt im Celebration Barn Theater durchströmte.

Ja, wir feierten die Kunst und das Leben.

 

Heimat auf der Bühne

Wie so oft war das Theater ausverkauft. Alle 120 Plätze waren belegt, der Abend war schwül und heiß – ein typischer Sommer in Maine, USA. Das Publikum war sehr unterschiedlich, Bauern aus der Nachbarschaft, Sommergäste aus New York, Theaterkollegen, Kulturliebhaber, die Verkäuferin aus dem Supermarkt….

In dem Sommer habe ich an einigen Geschichten gearbeitet, sie inszeniert und neu geschrieben. Manches pantomimisch, manches gesprochen – natürlich auf englisch.

Auf der Bühne dort konnte ich mit viel Körpereinsatz erzählen: tänzerisches vermischte sich mit Körpertheater und Improvisation.

Ich freute mich darauf, den Zuschauern zeigen zu können, was ich erarbeitet hatte. Da war nichts mehr von der Angst vor Versagen, da war kein Lampenfieber vor dem Auftritt oder Aufregung.

Ich hatte bei Tony Wesentliches gelernt: nicht „gegen“ sondern „zusammen mit“ den Zuschauern zu spielen.

In anderen Worten, es ging nicht darum zu zeigen, wie toll ich bin oder darum alles „richtig“ zu machen. Sondern es ging um das Teilen, um das Mit-teilen.

Erst bei Tony lernte ich, nicht etwas „vorzuspielen“. Er lehrte mich, was immer ich auf der Bühne mache, an den „Punkt Null“, an „Das Sein“ zurück zu kommen.

Nicht etwas sein wollen: ich erzähle nicht als die mitreißende Künstlerin. Ja auch nicht mal als diejenige, die konzentriert im Sein ist.

Ich suche den Punkt in mir, wo mich keine Gedanken beherrschen: wo ich bin, wo ich im Sein bin.

Andere würden es wohl „im Jetzt“ nennen. Von dort aus sollten wir spielen: „Sein“ und jederzeit bereit etwas zu verkörpern, sich zu wandeln, zu improvisieren.

Das ist wohl eine meiner wichtigsten Erfahrungen:
als die Bühne mir zur Heimat, zur Wohnung wurde.

 

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Weichenstellen: Erzählen ohne Grenzen

Besonders bei meinem Solo, als ich meine Geschichte spielte, gelang es mir die Zuschauer ganz in die Geschichte eintauchen zu lassen.

Es war, als ob die Geschichte sich selbst erzählte und wir -die Zuschauer und ich- ein Teil der Geschichte wurden.

Es war wie träumen, ohne dabei zu schlafen.

Sondern zentriert zu sein

Und blitzwach!

Die Geschichte breitete sich vor mir aus wie eine dreidimensionale Landschaft, in der ich zusammen mit den Zuschauern hindurch wanderte.
Alles war so lebendig und real.
Und erlebbar.
Für uns alle! Alles ging so schwerelos.
Ich brauchte nur den Anfang der Geschichte finden.
Es war wie auf einer Welle zu surfen.

Ich musste nur warten bis die Welle kommt,

bis der richtige Moment kommt,

um aufzuspringen.
Und dann ließ ich mich von der Welle tragen.

Wieder waren die ca. 120 Zuschauer mit mir in die Welt der Geschichte eingestiegen.
Diese atemlose Stille, mein Blick in Gesichter, in denen ich lesen konnte.
Sie waren ganz eingetaucht in ihre Imagination.

Zusammen träumten wir die Geschichte.
Nicht ich war es, die etwas „vorträgt“, sondern alles geschah in diesem Augenblick.

An dem Abend war ich noch lange wach. Die anderen waren schon längst schlafen gegangen, ich stand allein auf der Bühne und ließ den Abend noch einmal in Gedanken vorüber ziehen.

„Das ist es! Erzählen, Spielen, Erzählspielen. Das möchte ich in den kommenden Jahren machen. Ein Geschichten-Repertoire aufbauen und in Zukunft hauptsächlich von Erzählaufführungen leben!“

Das habe ich mir an dem Abend selbst versprochen.
Und das Versprechen gehalten!

 

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Diese Blogparade von Yuliyah war ein willkommener Anstoß mich mit meinem Weg zur Profierzählerin zu beschäftigen.

Ich habe so viel notiert, dass ich in nächster Zeit Erlebnisse aus meiner Zeit als Klinikclown hier auf der Webseite und in meinem Blog ethnostories.de erzählen werde. Unter anderem habe ich bereits darüber geschrieben, unter welchen Voraussetzungen eine Aufführung gelingen kann.

 

Mehr über mich als professionelle Erzählerin:

Haben sie schon entdeckt, hier auf meiner Website können Sie viele Texte über meinen Ansatz beim Erzählen finden.

 

Erzählprogramme im Repertoire:

 

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AUTHOR

Uschi Erlewein

Uschi Erlewein spielt Geschichten von weit her, die nahe gehen. Professionelles Tourneetheater, generationsübergreifende Programme für Kinder und Erwachsene, kulturvermittelnde Erzählkunst. Szenisch erzählte Geschichten aus und über andere Kulturen, ungewöhnliche Märchen, Mythen entführen auf eine Hör-Reise in andere Welten.

All stories by: Uschi Erlewein
7 comments
  • Kirsten Stein – Natürlich Märchen
    REPLY

    Liebe Uschi, das ist wieder einmal ein inspirierender Bericht, Danke dafür! Mit deinen Artikeln geht es mir so:
    Mal, öfter, manchmal an der einen oder anderen Stelle finde ich mich selber wieder, dann wieder bin ich sehr beruhigt nicht allein zu sein. Was ich aber am allerspannensten finde ist etwas über dich, deine Arbeit, Erlebnisse und Gedanken zu erfahren, das ist schön. Bitte mach weiter :-)

    • Uschi Erlewein
      REPLY

      Danke liebe Kirsten für deine Worte! Schön, dass du dich in den Texten findest! Es ist mir wichtig, zwar Persönliches zu schreiben, doch trotzdem die Brücke zu schlagen, zu Allgemeinem. Mich interessiert alles, was mit dem künstlerischen Prozess zu tun hat…..und übrigens, ich schreibe weiter, oh ja!!! Eigentlich habe ich schon so viel fertig, braucht nur noch den letzten Schliff und das passende Foto dazu.

  • Yuliah
    REPLY

    Freut mich, dass du es noch geschafft hast. Deinen Beitrag hätte ich mir ja nicht entgehen lassen wollen. Bin gespannt auf die Fortsetzung.

    • Uschi Erlewein
      REPLY

      Ja, das war dieses Mal recht knapp mit dem Beitrag. Ich wollte bei DEM Thema unbedingt mitmachen, war aber kaum zu Hause, meist auf Gastspielreise. Der Oktober ist immer ein Monat mit vielen Aufführungen, da habe ich wenig Zeit und Muße zum Schreiben. Und jetzt habe ich für den Blogbeitrag sogar einen Gutschein gewonnen! Yihaaaaa!!!!

  • Tanja
    REPLY

    Sehr schöne Geschichte, liebe Uschi
    … das, wie Du es nennst, aus dem ‚Sein‘ heraus zu agieren.. das nenn ich ‚Flow‘ …
    lieber Gruß und weiterhin viel Freude & guten Erfolg wünsche,
    Tanja

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