Artikelfoto: Suche Märchenerzählerin, die Märchen vorliest

Suche Märchenerzählerin, die Märchen vorliest

560 280 Uschi Erlewein

Seltsamerweise bekomme ich immer mal wieder Anfragen für Veranstaltungen, mit dem Inhalt „Suche Märchenerzählerin, die Märchen vorliest“.
Eine Erzählerin, die Märchen vorliest???

Eine Märchenerzählerin erzählt doch!

Wenn eine Märchenerzählerin vorlesen würde,

dann würde man sie ja Märchenleserin oder Märchenvorleserin nennen.

Ich frage mich, woher diese Vorstellung hierzulande kommt, dass Erzähler sitzen und aus einem Buch vorlesen. Kommt es daher, weil viele Menschen Märchen nur noch aus dem Märchenbuch kennen?

 

Artikelfoto: Suche Märchenerzählerin, die Märchen vorliest

 

Wertigkeit des geschriebenen Wortes

Märchensammler, wie die Brüder Grimm, haben mit dem Niederschreiben der Märchen kein leichtes Erbe für alle freien Erzähler hinterlassen. Mit der Veröffentlichung im Buch, also der Verwandlung von gesprochenem Wort zum geschriebenem Wort, ist auch eine Veränderung der Wertigkeit einher gegangen.

Niedergeschriebenes gilt in unserer Kultur mehr als Gesprochenes. Alles, das schwarz-auf-weiß geschrieben steht, ist „wahr“, alles was nicht aufgeschrieben ist „nicht ernst zu nehmen“.

Solch eine kulturelle Wertigkeit beeinflusst natürlich auch viele Erzähler. Bei manchen geht diese „Buchgläubigkeit“ gar so weit, dass sie sich strikt an den niedergeschriebenen Wortlaut halten und den Text auswendig lernen und rezitieren. Genau genommen rezitatieren sie, nennen sich jedoch Erzähler oder Märchenerzählerin.

Manche Märchenerzählerin ist so auf den geschriebenen Text fixiert, dass man beim Zuhören regelrecht sehen kann, wie sie innerlich die Buchseite umschlägt. Der Text wird dabei so wichtig genommen, dass sich den Zuhörern kaum die Bilder des Märchens vermitteln.

 

Geschriebene und gesprochene Sprache

Bei literarischen Werken verstehe ich das Rezitieren von Text, doch bei Volkserzählungen, Geschichten und Märchen kann ich das nicht nachvollziehen.

Vor allem nicht, wenn ich mir die, auf deutsch übersetzten Märchen der Welt, ansehe. Viele Weltmärchen werden bei der Übersetzung in eine Art Grimms Märchen umgewandelt.

Ungeachtet, ob der ursprüngliche Erzählstil dem Grimmschen Sprachstil entspricht. Humor und Details gehen oft dabei verloren und heraus kommt eben das, was wir hierzulande als „Märchen“ verstehen. Lesbar im Buch. ( Manchmal allerdings auch kaum lesbar, durch manche Sammlungen muss ich mich regelrecht durchbeissen. )

Kaum ein Übersetzer kann sich offenbar die Mühe machen, jede einzelne Geschichte ausführlich zu recherchieren. Zudem sind Übersetzer und Herausgeber von Märchensammlungen nur selten auch mündliche Erzähler. Die meisten sind mit der schriftlichen Sprache vertraut, aber weniger mit der mündlichen.

Ich sehe für mich nur einen Weg damit umzugehen:
Recherche, Recherche, Recherche
über die Kultur, über Erzähltradition, Versionen der Geschichten…
und ich gehe gerne weiter in anderen Ländern auf die Suche nach Geschichten aus der mündlichen Überlieferung, um sie dann in mündlicher Form neu zu schreiben, bzw. frei zu erzählen.

 

Erzählen ist anders als Geschichten vorlesen

Bevor es geschriebene Literatur gab, bevor die Schrift und der Buchdruck erfunden wurde, gab es für lange Zeit mündliche Überlieferungen, also die mündliche Literatur. Mündliche Literatur wurde durch das Erzählen weiter gegeben.

Erzählen ist nicht nur ein Strom von Worten. Beim Erzählen spielt so vieles mit. Die Bilder der Erzählung haben ihre Wirkung auf die Körpersprache des Erzählers, auf Sprachmelodie, Klang der Stimme, Atmosphärisches, Umgang mit der Zeit, Befindlichkeiten, Blick der Augen. Erzählen ist vielschichtig und viel mehr als die Worte.

Natürlich ist es gut und es hat eine wichtige Wirkung auf die sprachliche Entwicklung, wenn Kindern Geschichten vorgelesen werden. Wenn man Märchen und Geschichten frei erzählt, kann das Ganze noch lebendiger werden. Die Erzählerin trägt ihre Zuhörer tief ins Land der Fantasie und Imagination und ist gleichzeitig wie ein Anker in der Gegenwart.

Vorlesen und Erzählen unterscheiden sich. Zum Beispiel unterscheidet sich die Sprache. Die schriftliche Sprache hat einen ganz anderen Rhythmus als die gesprochene Sprache. Beim Vorlesen steht immer auch das Buch zwischen Vorleser und Zuhörer. Erzählen ist da viel direkter, ist Kommunikation.

 

Falls Sie also eine Erzählerin suchen und keine Vorleserin, dann sind Sie bei mir an der richtigen Stelle. Denn ich erzähle frei, ohne Buch, im Stehen, mit Bewegung.

 

 

 

AUTOR

Uschi Erlewein

Uschi Erlewein spielt Geschichten von weit her, die nahe gehen. Professionelles Tourneetheater, generationsübergreifende Programme für Kinder und Erwachsene, kulturvermittelnde Erzählkunst. Szenisch erzählte Geschichten aus und über andere Kulturen, ungewöhnliche Märchen, Mythen entführen auf eine Hör-Reise in andere Welten.

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