Der Geschichtenspielerin auf die Hände schauen

7 Fragen - 7 Antworten
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▼ " Sind die Geschichten für Kinder? "


In den meisten tradionellen Erzählkulturen wird kein Unterschied zwischen Geschichten für Kinder und Geschichten für Erwachsene gemacht. Kinder hören die selben Geschichten, tanzen die selben Tänze und singen die selben Lieder wie die Erwachsenen. Und jeder versteht soviel, wie er kann.
Die Unterscheidung zwischen Kindergeschichten und Erwachsenengeschichten ist eher ein Produkt unseres mitteleuropäischen Vergangenheit und Weltsicht. Erst mit Aufkommen des Bildungs-Bürgertums Mitte des 18. Jahrhunderts begann diese Unterscheidung zwischen Geschichten für Kinder. Auch die Märchen der Gebrüder Grimm waren ursprünglich nicht nur für Kinder!
Mein
Repertoire eignet sich besonders generationenübergreifend für die ganze Familie.

▼ " Sind die Geschichten original? "


Die Geschichten aus anderen Kulturen der Welt, auf die ich mich spezialisiert habe, sind erst vor nicht allzu langer Zeit niedergeschrieben worden. Sie kommen aus Kulturen, die oftmals bis vor kurzem nicht schriftbezogen gelebt haben. Sie kommen also aus oralen Kulturen, aus Kulturen mit mündlicher Überlieferung.

In diesen Kulturen war man dem Inhalt der Geschichte treu, aber nicht den Worten – ausser bei ganz wichtigen Aussagen in der Geschichte. Ansonsten formte der Erzähler die Geschichte so, wie sie ihm/ihr leicht und flüssig von der Zunge floss. Viele traditionelle Erzähler, denen ich begegnen durfte, machen das so,
indianische Erzähler, genauso wie Erzähler in Sibirien, Afrika oder Bhutan.

Ständiger Kontakt mit Erzählern in vielen Ländern, Recherche und wissenschaftliche Beratung von Völkerkundlern, Kooperation mit Musikern und Künstlern gehören zu meinem professionellen Selbstverständnis.

▼ " Kann man davon leben ? "


Erzähler, Märchenerzählerinnen, Geschichtenerzähler gibt es viele, doch nur wenige leben ausschliesslich von ihren Erzählveranstaltungen.
Für viele ist Märchenerzählen ein Hobby oder eine Nebenbeschäftigung.
Manche Erzähler
haben weitere Standbeine, wie z.b. Theaterpädagogik, Managertraining, Erzählworkshops, Stimmbildung, Lehramt...

Ich lebe von meinen Aufführungen,
unterrichte nur noch ausnahmsweise,
verstehe mich als Solotheater und professionelle Erzählerin
und ich bin
Mitglied des Landesverband freier Theater.

Mein Theaterlehrer Tony sagte einmal zu mir: " hard work - good stuff. "
Um einen Diamanten so zu bearbeiten, dass er das Licht und Feuer hat, das in ihm liegt, braucht es viel Mühe, Zeit und Arbeit
um ihn zu schleifen und zu polieren. So ist das beim Erarbeiten von Geschichten.


Bei diesem Thema fällt mir immer
Karl Valentin ein:

" Kunst macht Spaß - aber viel Arbeit !"

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▼ " Erzählen sie textgebunden und texttreu? "


Nun, ich versuche in erster Linie mir selber treu zu sein – und das ist schon schwer genug! Ich denke, ein Erzähler sollte nach dem für ihn oder sie stimmigen Erzählstil suchen und diesen Stil entwickeln. Dabei kann textgebundenes Erzählen eine Hürde sein. Textgebunden Erzählen ist wie die Arbeit eines Schauspielers, der sich selber im vorgegebenen Text suchen und finden muss.

Textgebundenheit finde ich unter Umständen sinnvoll bei Kunstmärchen, literarischen Geschichten und Erzählungen. In Deutschland werden die ursprünglichen Volksmärchen, die die Gebrüder Grimm gesammelt und niedergeschrieben haben, von vielen Erzählern textgebunden erzählt. Damit werden diese ursprünglichen Volkserzählungen wie Literatur, wie Kunstmärchen behandelt.

Die Geschichten aus anderen Kulturen der Welt, auf die ich mich spezialisiert habe, sind erst vor nicht allzu langer Zeit niedergeschrieben worden. Sie kommen aus Kulturen, die oftmals bis vor kurzem nicht schriftbezogen gelebt haben, sie kommen also aus oralen Kulturen, aus Kulturen mit mündlicher Überlieferung. In diesen Kulturen war man dem Inhalt der Geschichte treu, aber nicht den Worten – ausser bei ganz wichtigen Aussagen in der Geschichte. Ansonsten formte der Erzähler die Geschichte so wie sie ihm leicht und flüssig von der Zunge floss. Viele traditionelle Erzähler, denen ich begegnen durfte, machen das so, indianische Erzähler, genauso wie Erzähler in Sibirien, Afrika oder Bhutan.

Ich vergleiche diese verschiedenen Herangehensweisen immer mit der Musik.
Das textgebundene Erzählen entspricht eher dem Spielen von klassischer Musik nach Noten. Dabei interpretiert die Künstlerin was in der Musik emotional liegt - ohne dabei die Musik zu ändern.
Freies Erzählen entspricht dem Jazz. Hier kann durchaus auch ein Motiv zugrunde liegen, von dem aus man improvisiert, sich davon weg bewegt und frei macht, dann irgendwann wieder zurück kommt. Hier liegt es am Selbstverständnis des Künstlers in wie weit er sehr frei und ungebunden improvisiert.

Keine davon ist besser oder schlechter, nur sollte jeder Erzähler sich klar darüber werden, was ihm liegt, was der Geschichte entspricht, welche typisch ist in der Kultur, aus der die Geschichte oder das Märchen stammt.


▼ " Lernen Sie die Geschichten auswendig? "


Nein, ich lerne sie nur gut kennen.
Nur manche Sätze, die sehr wichtig sind lerne ich, ansonsten habe ich immer eine Tür für die Improvisation offen. Selbst bei Geschichten die ich schon seit Jahren oft erzählte, die ausgereift sind und scheinbar gleich bleiben, selbst hier bin ich jederzeit offen für gute Ein-fälle und improvisiere dann.
Anders wie zum Beispiel in der Malerei sind Geschichten sind nie fertig oder vollendet. Sie sind lebendige Kunstwerke, die weiter wachsen.
Ich schleife immer weiter an den Geschichten, verbessere die Wortwahl, hier eine Pause mehr, da ein weiteres Element.

Zwar tragen die Geschichten meine Handschrift, doch spielt mein Respekt vor der traditionellen ursprünglichen Form bei der Bearbeitung eine große Rolle: ich will nichts aufzwingen, sondern das Typische herausmodellieren, es in eine - für unsere Kultur - verständliche Form bringen und der Erzählung wieder Leben einhauchen.

▼ " Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Geschichte erarbeiten? "


Zuerst bin ich und die Geschichte. Die Geschichte muss mich ansprechen, ich muss Lust dazu haben mich näher damit auseinander zu setzen, mit der Geschichte zu leben. Denn sobald eine Geschichte in meinem Repertoire landet, wird sie ein Teil meines Lebens, werde ich sie noch viele Male erzählen. Und je öfter sie erzählt wird, desto besser wird sie. Ich arbeite und schleife und poliere immer weiter daran. Und so wird aus dem anfänglichen Kieselstein ein Edelstein, in glücklichen Fällen ein Diamant.

Dann ist da die Kultur aus der die Geschichte stammt. Mir ist es wichtig darüber viel zu recherchieren. Nicht nur was die konkreten Bilder in der Geschichte anbetrifft. Sondern auch über die Erzähltraditionen, über Geschichte, Religion, Regeln des menschlichen Umgangs, über den Alltag, Körpersprache, etc. Das klingt sehr umfassend - und das ist es auch. Im besten Fall reise ich in das entsprechende Land und kann dort vor Ort recherchieren. Denn ich denke die Bilder und Symbole sind von der Kultur und dem Leben dieses Landes geprägt und können nur wirklich in dem Kontext des Ganzen verstanden werden.

Natürlich ist es fraglich, ob jemand aus einer anderen Kultur eine andere versteht. Ganz sicher kann ein Erzähler aus dem entsprechenden Land viel besser die Geschichten seiner Kultur erzählen. Aber meist steht die Sprache dazwischen. Es gibt leider selten Erzähler, die aus ihrem Geburtsland Geschichten erzählen in einer anderen Sprache, in der sie sich genauso gut ausdrücken können wie in ihrer Muttersprache.

Denn es geht auch darum erzählen zu können. Reine Übersetzung kann sehr langweilig sein. Ich habe schon viele Märchenbücher gelesen, sicher gut übersetzt von professionellen Übersetzern, doch merkt man, dass es keine Erzähler waren. Die Geschichte hatten zwar die ursprüngliche Form, waren in korrektem Deutsch lesbar niedergeschrieben, aber sie waren leblos geworden.

Und last not least ist da das Publikum, von dem ja auch viel in der Geschichte landet. Oftmals muss ich auch Dinge hinzu fügen, die jeder weiß in dem Land aus dem die Geschichte stammt, um sicher zu gehen, dass meine Zuschauer hier die Geschichte verstehen.

Schreiben ist für mich eine Phase der Strukturierung. Vergleichbar mit einem Einkaufszettel. Ich setze mich hin und überlege, was ich brauche. Was wesentlich und unverzichtbar ist. Wenn ich dann losgehe brauche ich den Einkaufszettel nicht mehr.
Genauso ist es bei den Geschichten auch. Ich lerne nicht auswendig. Ich ordne, inszeniere, kenne meine Bausteine. Aber im konkreten Moment des Erzählens improvisiere ich, lasse ich immer die Türen offen für bessere Formulierungen, für Richtungsänderungen, andere Reihenfolgen, Reaktionen des Publikums.


▼ " Wie viele Geschichten können sie erzählen? "


Ehrlich gesagt, ich zähle die Geschichten nicht und will es auch gar nicht, denn ich finde es völlig unwichtig wieviele Geschichten es sind. Ich denke eher in Geschichtenprogrammen, in Kollektionen von typischen Geschichten aus einem bestimmten Kulturkreis.
Zwar ist mein
Repertoire nicht gerade klein zu nennen, doch meine ich, dass man gute Erzähler nicht an der Zahl ihrer Geschichten erkennt. Es gibt berühmte Erzählerinnen, z.B. in Sibirien, die nicht mehr als 3-5 Geschichten erzählen - aber diese so ausgefeilt, perfekt und ausgereift. Nicht der Umfang eines Lebenswerkes ist entscheidend für die Qualität. Es kommt viel mehr darauf an, wie eine Geschichte erzählt ist, wie sie durch die Art des Erzählens zum Leben erweckt wird.






Neulich sah mich ein kleiner Junge,
vielleicht so 2-3 Jahre alt, mit dieser Mütze
und sagte zu mir voll Überzeugung:
" Ich WEISS, du bist ein Zwerg! "
Erkannt !!!! Ich bin ein ZWERG.


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